Dienstag, 20.12.16 – Ermordete am Weihnachtsmarkt

Vergangenen Samstag umrundete ich den Stuttgarter Weihnachtsmarkt auf dem Weg zu meinem bevorzugten Musikaliengeschäft. Durchs Gewühl, entlang der immer gleichen Stände hatte ich keine Lust. Was mir aber früher nie auffiel, war dieses Mal die hohe Präsenz von Polizeifahrzeugen und schwer bewaffneten Polizisten an angrenzenden Straßen. Und es fühlte sich für einen Moment komisch an, in dieser Gegend zu sein. An einen LKW dachte ich nicht. In meiner Phantasie hatte ich eher einen Selbstmord-Bomber im Kopf. Aber das komische Gefühl blieb abstrakt, nicht real.

So fühlte ich mich schon einmal. 1980 war es, als die von Horst Köhler zum Wies’n-Eingang gebrachte Bombe explodierte und viele starben, verstümmelt wurden. Den Eingang kannte ich als Kind, war selber einige Male daran vorbeigegangen. Und in den nächsten Jahren war mir jedes Mal mulmig zumute, wenn ich diesen Wies’n-Eingang nahm.

Und jetzt also Berlin, ein LKW wird als Waffe gegen Weihnachtsmarkt-Besucher benutzt. 2016 – das Jahr der Anschläge, so kommt es mir vor. Eine gefühlte Wahrheit. Je näher ein Anschlag, je besser bekannt ein Ort, desto präsenter ist er. Die fernen Anschläge, die es nur knapp in die Nachrichten schaffen – unabhängig von der Opferzahl – die dringen fast nie unter die Haut, perlen im Nachrichtenstrom an der Oberfläche ab.

Wie reagiert man richtig? Wie reagiere ich richtig? Jede Reaktion scheint falsch, wird sofort von irgendjemandem energisch korrigiert. Die Filterblasen auf Twitter, Facebook & Co. füllen sich mit Beileidsbekundungen, Schuldzuweisungen, Durchhalteparolen, Relativierungen, etc. Was ist angemessen, was vermessen? Wie wichtig darf oder muss man 12 Tote und 50 Verletzte eines Massenmörders nehmen? Muss man gleich das große Ganze sehen, das Menetekel des Untergangs des Abendlandes? Dürfen 12 Tote und 50 Verletzte in Berlin gegen ungezählte Opfer in Syrien, in Aleppo, in afrikanischen Hungergebieten, in mexikanischen Drogenkämpfen oder den Blutzoll von 3.500 Toten auf deutschen Straßen aufgerechnet werden?

Wann ist einem Toten die öffentliche Aufmerksamkeit gewiss? Oder geht es gar nicht um die Opfer, sondern um uns, die wir nun Angst vor dem Besuch von Weihnachtsmärkten und öffentlicher Veranstaltungen haben? Geht es um unsere Angst vor dem Fremden, vor den Fremden? Geht es um unsere politische Agenda, welche durch solch einen Massenmord befördert oder gefährdet wird?

Ich habe keinen Fernseher. So bleiben mir zumindest die Sondersendungen aus Un- und Halbwissen erspart mit Experten und Journalisten, welche diese Wissensdefizite eloquent und mit Tremolo in der Stimme kaschieren müssen. Die Newsticker der Nachrichtenportale schwappen nach Twitter rein, werden unzählige Male retweetet. Warum nur? Warum muss man News, die eh jeder irgendwo mitbekommt, so oft retweeten? Ist es eine Ersatzhandlung, weil man sonst ganz passiv zum Zusehen, zum Ertragen von Ungewissheit verdammt ist?

Was geschähe, wenn wir nur die Angehörigen trauern, die Ermittler ermitteln ließen und die Journalisten einmal am Tag eine Meldung mit den gesicherten Fakten publizierten? Was geschähe, wenn wir unsere Nachrichten nur aus einer Wochenzeitung bekämen, gut aufbereitet und mit Abstand? Könnte unser Leben nicht um so vieles ruhiger verlaufen? Und würden wir nicht all denen, die in irgendeiner Weise von der Anschlags-Hysterie profitieren, wirkungsvoll den Wind aus den Segeln nehmen? Wer weiß, solche Gedanken sind im Internet-Zeitalter obsolet, wenn man nicht im kanadischen Winter in einer Hütte sitzt.

Ich habe keine Ahnung, welche Antwort wirklich die richtige ist. Oder besser: welche Antwort für nicht nur mich passen würde. Vielleicht muss diese auch jeder für sich selber finden.

Ich persönlich versuche mein Sicherheitsempfinden nicht von einzelnen Massenmorden abhängig zu machen. Dafür versuche ich eher, die realen und unterschätzten Risiken des Alltags wahrzunehmen und in mein Handeln einfließen zu lassen. Ob dies nun die Gefahren im Straßenverkehr, tödliche Krankenhauskeime, 10.000 Suizide u.a. aufgrund psychischer Erkrankungen etc. sein mögen. Leider fehlt uns ein Organ, mit welchem wir statistische Gefahren wahrnehmen können. Medienhysterie und Filterblasen sind da kein Ersatz.