Gelesen: Ans Kap – Mit dem Fahrrad ans Nordkap

Capture+_2016-02-15-07-35-20-11995 fuhr er das erste Mal mit einem Freund ans Nordkap. 20 Jahre später, mittlerweile 49, begibt er sich nochmals – aber solo – auf die identische Tour. Doch nein, hier will sich kein Fast-50-Jähriger in der Midlife-Crisis seine Kraft beweisen. Jürgen Rinck, unser Nordlandfahrer, ist Künstler und seine Fahrradtouren sind als Kunstprojekt zu verstehen. Täglich bloggt er, schreibt unter seinem Pseudonym @irgendlink Twitter-Kurznachrichten mit dem Hashtag #ansKap und fotografiert alle 10 Kilometer die Straße, auf welcher er fährt. Dazu gibt es am iPhone erstellte Postkarten für die Unterstützer.

Das alles sollte man wissen, bevor man sich an die Lektüre von »Ans Kap – Mit dem Fahrrad ans Nordkap« macht. Denn das Buch ist kein einfacher Bericht eines Radreisenden, wie es sie zu hunderten als Buch gedruckt und im Internet gebloggt gibt. Das Buch ist der verschriftlichte Teil dieses Kunstprojektes.

Jürgen Rinck alias Irgendlink beschreibt sehr fein Menschen und Begegnungen. Er ist ein guter Beobachter, ein aufmerksamer Zuhörer und es gelingt ihm offensichtlich leicht, mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen. Als Radler, der mit sehr geringem Tagesbudget unterwegs ist und häufig wild campt, öffnet sich ihm so manche Tür, so manche einladende Wiese auf der Strecke. Die 80 Tagesetappen von Zweibrücken bis zum Nordkap sind unterschiedlich erzählt und spiegeln die Verschiedenheit des dicht besiedelten Deutschlands und der schier unendlichen Wald-Weiten Schwedens wieder. Auf den deutschen Strecken ist der Stil oft kurz, abgehackt und voller flüchtiger Augenblicke. Ja, hier kommt der Twitterer mit seiner 140-Zeichen-Denke hervor. In Schweden, besonders ab Süd-Lappland, finden sich auch einmal etwas längere Passagen über Land und Leute. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass er in Schweden längere Strecken alleine, ohne Besuche unterwegs war und mehr Zeit zum Schreiben fand.

Kein Radreisebericht ohne ausführliche Packliste. Aber auch hier bleibt Irgendlink sich und vor allem seinem Projekt treu. Es ist ein Kunstprojekt und eben keine Radtour. Und so erfahren wir nur, dass sein Rad samt Gepäck 50kg wiegt und wie seine technische Ausrüstung aussieht: iPhone, Solar-Ladepanel, Bluetooth-Tastatur und diverse Software zur Bildbearbeitung. Der Hinweis, dass er das Innenzelt erst füllt und dann ins Außenzelt einhängt, damit die Mücken nicht reinkommen, muss dem Reisetipp-Suchenden genügen. Der eine oder andere Satz, zum Beispiel zu den iDogma-Postkarten, ist für unbeteiligte Leser nicht so ohne weiteres verständlich. Da schreibt er für eine Fan-Gemeinde und nicht für das große Publikum.

Sie sind lesenswert, die Reflexionen über seine Reise, die Miniaturen über das mehr oder weniger wilde Campen, die Begegnungen auf und an der Straße.

Ich fragte mich, wie Irgendlink sich an all die Details erinnern kann. Er kann ja schlecht bei jedem Gedanken stehen bleiben und ihn notieren. Es ist bemerkenswert und eine Gabe, die uns Lesern zugutekommt. Und er überrascht. Mitten in der Einsamkeit Lapplands erwähnt er die Ohrenstöpsel, die er trägt. Es ist nicht der Wind, der ihn dazu treibt. Es ist der raue Asphalt, der die Reifengeräusche vorbeibrausender Fahrzeuge unangenehm verstärkt.

Nach einem letzten und beschwerlichen Anstieg kommt er bei sehr frischen Temperaturen am Nordkap an. Doch bei dieser Reise war, das können alle seine Follower auf Blog, Twitter und Facebook bezeugen, der Weg bereits das Ziel. Und das Publikum war Teil des Projektes. Unter »Aufsicht« gibt es sich nicht so leicht auf. Und die Einsamkeit schnurgerader Straßen relativiert sich durch den durchgängig vorhandenen Mobilfunk-Anschluss ans Internet und den Austausch mit den Daheim-Gebliebenen.

Von seinem ursprüngliches Vorhaben, von den identischen Standorten wie 1995 die Straßen zu fotografieren, kam er übrigens schon nach wenigen Tagen ab. Die innerdeutschen Radrouten hatten sich so stark verändert und verbessert, dass er die Route den neuen Gegebenheiten anpasste. Die Absolution hierzu holte er sich von zwei Online-Begleitern zuhause.

»Ans Kap« – das sind 112 Seiten, die das Lesen lohnen. Ein Buch, das auch Nicht-Radler gerne lesen werden. Und als eBook passt es in jede Tasche. Das Vorwort zum Buch stammt vom Künstlerkollegen @der_emil

Jürgen Rinck/Irgendlink: Ans Kap - mit dem Fahrrad ans Nordkap (2016)

Zu beziehen über die Plattform XinXii im ePub- und pdf-Format, 9,99 EUR (http://www.xinxii.com/ans-kap-p-368517.html)

Jürgen Rincks Internetseite mit vielen Fotos seiner Kap-Tour.

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