Gelesen: Zur Quelle hin – Pilgertagebuch


Du strahlst so!

Pilgern ohne Pilgerroute, Pilgern ohne katholischen Glauben, Pilgern ohne enge Kontakte mit anderen PilgernBuch "Zur Quelle hin" – was bleibt da noch übrig, was dient als Motivation? Für die 49jährige Denise Maurer ist es der Bedarf nach einer Auszeit, um wieder zu Kräften zu kommen und die eine oder andere Quelle für den künftigen Alltag zu finden. Doch ganz alleine sollte es nicht losgehen, ihr Partner Jürgen ist als erfahrener Jakobsweg-Pilger mit dabei.

Am 27. Juni 2014 geht es los, Start ist im Schweizer Heimatort der Autorin, in Windisch, an dem die Reuss in die Aare mündet. Ein Start an der Haustür.

Flüsse waren die ursprünglichsten Wanderrouten der Menschen, sie siedelten an ihnen, die Wege entlang der Flüsse waren begehbar und in den landkartenlosen Zeiten die sicherste Orientierung. Denise Maurer und ihr Begleiter J., wie sie ihn im Buch nennt, wählen die an ihrem Heimatort vorbeifließende Reuss als Leitfluss. Zum Gotthard hinauf soll es zuerst gehen, dort entspringt der 164km lange Fluss.

Das Pilgertagebuch entsteht unterwegs am iPhone, wird zuhause nur wenig nachbearbeitet. Es atmet die Ursprünglichkeit der direkten Aufzeichnung und schildert ohne romantisierende Schönfärberei den durchaus beschwerlichen Start, die ungewohnte Anstrengung für Füße und Rücken. Dazu kommt, dass das Wetter während eines Großteils der Wanderung unbeständig ist, Regen und Gewitter treue Begleiter der beiden Pilger sind. Doch das Wasser kommt nicht nur von oben, mit wahrer Lust werden die spontanen Bäder im Fluss geschildert, Leib und Wäsche waschend. Meist wird im Zelt übernachtet, wild, auf Einladung auf Privatgrund oder auch einmal auf einem Camping, selten in einer Herberge oder einmal im Hotel.

Es ist eine Wanderung zu zweit, aber der Begleiter „J.“ bleibt merklich im Hintergrund. Er ist mit seiner Erfahrung Stütze, Motivator und Schlafplatz-Detektor – aber er ist nie Besserwisser. J. ist „nur“Begleiter, es ist ihr Pilgerweg.

Langsam gewöhnt Denise sich an die Last, auch wenn im Laufe der Reise noch ein ordentlicher Karton mit Überflüssigem gepackt und heimgeschickt werden wird. Als Leser bekommt man einige Tipps, was für so eine Wanderung mit ins Gepäck sollte.

Die Beschreibung der Route spiegelt die Kleinteiligkeit des Landes, die Dichte der Orte wider. Es sind nicht die großen spanischen Ebenen, die durchwandert werden. Eng ist es manchmal in der Schweiz. Wo die beiden konkret sind, ist für Nichtschweizer bzw. ohne Landkarte nur schwer nachzuvollziehen. Die Orte sind zu unbekannt. Aber das spielt keine Rolle, der Weg, das Erleben ist entscheidend.

Am 11. Tag ist das erste große Ziel, der Gotthard, erreicht. Nach einer kleinen Strecke mit dem Postbus geht es zu Fuß weiter ins Tessin, an den Lago Maggiore. Die Erzählung lässt eine leichte südliche Lockerheit des italienischsprachigen Kantons erahnen.

Reisegesättigt entscheiden sich die beiden Wanderer am 17. Tag, sich auf den Heimweg zu machen. Am Tag 18, dem 14. Juli 2014, geht es mit Postauto und Bahn heimwärts, von Linescio nach Brugg – alles schweizerisch pünktlich, wie betont wird.

Das Pilgertagebuch ist mit vielen alltäglichen Vorgängen gefüllt und alles andere als ein philosophisches Traktat über Gott und die Welt. Aber das hält dieses 46-Seiten-Pilgertagebuch auch lesbar und macht irgendwie Lust, es auch einmal mit solch einer Wanderung zu versuchen. Denn trotz der geschilderten körperlichen Anstrengung und den Wetter-Widrigkeiten klingt die Freude an der Pilger-Wanderung immer wieder durch. Auch wenn klar wird, dass diese Tour eben keine „echte“ Pilgerreise ist, an der die Etappen festgeschrieben, die Herbergen obligatorisch und Reisebegleitung nie weit ist. Es ist und bleibt eine innere Pilgertour zu zweit. Aber es ist keine Pärchenerzählung, die Personen bleiben klar getrennt, die ich-Perspektive der Autorin wird nie aufgegeben. Aber es sind zwei, die harmonieren. Das für mich schönste Zitat aus dem Buch habe ich für die Überschrift gewählt, als J. zu Denise sagt: »Du strahlst so!«. Ihre Antwort: »Weil du so strahlst. Wenn alle immer zurückstrahlen würden, wäre die Welt eine bessere.«

Denise Maurer: Zur Quelle hin / Pilgertagebuch aus dem Sommer 2014, SosofeeBooks, Widisch

»Zur Quelle hin« ist direkt bei der Autorin oder bei XinXii   als pdf oder eBook im ePub-Format erhältlich.

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