Ganz oder gar nicht: die 100-Prozent-Falle

Was kann man nicht alles an sich und seinem Lebensstil verbessern. Ob in Frauenzeitschriften oder Männermagazinen, ob auf Twitter oder Facebook, ob im Büro oder im heimischen Garten, überall werden wir mit Tipps beglückt. Tipps, wie wir gesünder, schneller, schöner, umweltbewusster, empathischer, andächtiger oder sportlicher werden. Und nicht nur Rat wird gegeben, sondern wir bekommen immer die passenden Vorbilder mitgeliefert, welchen nachzueifern wäre.

Nun, vielleicht ist die eine oder andere Idee wirklich hilfreich. Wir fassen Vorsätze und – nicht nur zur Neujahrszeit – setzen sie in die Tat um. Zum Beispiel soll das Auto öfter stehen bleiben und der Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Da leider nicht nur einige Kilometer, sondern knackige 150 Höhenmeter zwischen Zuhause und Arbeitsstelle liegen, wird tiefer ins Portemonnaie gegriffen und ein Pedelec (E-Bike) gekauft. Und tatsächlich gelingt es, an rund 70 von 220 Arbeitstagen des Jahres anstelle des Autos das Pedelec für den Arbeitsweg zu benutzen. 20 x wurde der Akku dafür aufgeladen, etwa 3 Euro Stromkosten fielen an. Eine halbe Badewanne voll Benzin blieb unverbrannt.
Das wäre ein Grund zur Freude und Anlass, zurecht stolz auf die Leistung zu sein, ein Drittel der Arbeitswege tretend geschafft zu haben und die Umwelt ordentlich entlastet zu haben.

Doch leider gibt es einen sportlichen Arbeitskollegen, der mit dem Fahrrad täglich – wirklich täglich – zur Arbeit kommt. Und seine Meinung ist eindeutig: Wenn man radelt, macht man das jeden Tag. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Zweidrittel der Arbeitstage mit dem Auto ins Büro zu fahren sei eine Riesensauerei und unnötig. Und außerdem ist ein Pedelec überhaupt kein richtiges Fahrrad. Radfahren ist nur echt, wenn es völlig mit Muskelkraft geschieht. Und es wäre doch unfair, wenn man mit Motorunterstützung am Berg an echten Radlern vorbeiziehen würde. Ein kurzer Blick in die einschlägige Radlergruppe auf Facebook & Co. zeigt, dass er mit seiner Meinung nicht alleine ist. Wer was für die Umwelt tun will, radelt jeden Tag ins Büro, verkauft sein Auto und fährt natürlich ohne Motorunterstützung, am besten mit einem trendigen Fixie ohne Gangschaltung.

Schon war‘s vorbei mit der Freude über das Geschaffte. Derart entwertet verlor unser Mensch mit seinen Vorsätzen wieder die Lust am Radeln, das Auto gewann mit seiner Bequemlichkeit.

Ganz oder gar nicht
Ist das Beispiel überspitzt? Ich glaube nicht. So oder in ähnlicher Form werden wir heute ständig in unserem Bemühen torpediert. Eine kleine Auswahl:

Joggen / Laufen: Nur mal drei Kilometer zur Bewegung reichen nicht. Es müssen schon 40 Minuten am Stück sein, damit der Körper stärker wird. Und es braucht ein Ziel, mindestens 10 Kilometer, einen Halbmarathon oder alle drei Jahre einen richtigen Marathon. Trainingspläne und Vorbilder gibt es in Massen. Spaß macht es erst, wenn es schmerzt. Und es kann beliebig gesteigert werden, zwei Marathon pro Jahr oder gleich einen Ultra-Lauf.

Fleisch: Jetzt hat der Mensch seinen Fleischkonsum schon verändert. Anstelle der durchschnittlich 1,2 Kilogramm pro Woche hat er ihn auf 250 Gramm reduziert. Und – fürs Tierwohl – hat er auf Biofleisch umgestellt. Das kostet zwar 2-3 Mal so viel wie Discounterfleisch, doch das ist es ihm wert.
Lob wird unser Mensch damit nicht einfahren. Obwohl der Fleischkonsum auf ein Fünftel reduziert wurde und es nicht mehr aus Massentierhaltung stammt, reicht es dem Twitter-Kollegen nicht. Denn warum überhaupt Fleisch? Und wenn man schon dabei ist: Weg mit Eiern, Käse, Milch und Honig. Nicht nur vegetarisch zu essen gilt, sondern vegan hat er zu leben. Alles Andere ist nur ein fauler Kompromiss zu Lasten des Tierwohls.

Spenden: Wer zur Hälfte der Bevölkerung gehört, welche die eine oder andere gemeinnützige Organisation mit einer Spende bedenkt, kann sich gut fühlen. Und anders als bei Steuern, können Spenden gezielt für die einem wichtigen Zwecke gegeben werden.
Aber das ist nicht mehr gut genug. Der neueste Trend, glücklicherweise fast nur im Internet in einschlägigen Seiten zu finden, ist, dass man „effektiv“ zu geben habe. Der „Effektive Altruismus“ als Leitschnur fordert, die „beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um das Leben möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern. Als Mittel hierzu dienen empirische Erkenntnisse und rationale Argumente.“ Das heißt im Klartext, dass weder die Bahnhofsmission, der lokale Tierschutzverein oder der Obdachlose in der Fußgängerzone etwas bekommen, solange es schwereres Leid und Leben zu retten gilt. Und schon ist es vorbei mit dem wohligen Spendengefühl.

Drei Beispiele, die sich nach Belieben verlängern lassen:

  • Ausmisten – aber bitte gleich minimalistisch leben!
  • Meditieren – doch mindestens jeden Morgen um 5 und 40 Minuten!
  • Frisch kochen – natürlich täglich!
  • Das Zweitauto abgeschafft – warum nicht den Erstwagen?
  • Bahnurlaub – nur ohne Mietwagen am Ziel!

Ganz oder gar nicht. Wenn, dann richtig. Das ist das Mantra der Menschen, denen gut nicht gut genug ist. Und deren Kritik hängt sich in uns fest. Woher kommt dieser unsägliche Zwang zur Perfektion? Warum fallen uns die Extreme leicht und die Grautöne so schwer? Ist es das allgegenwärtige Internet, welches uns auf Mausklick den Vergleich mit den Besten liefert? Sind es die sozialen Medien, welche aufs richtige Stichwort hin uns gleich die Besser-Meinenden und Besser-Wissenden mit ihren Kommentaren frei Haus liefern?

Wir sehen es immer wieder: Wer sich schon – bei was auch immer – im Bereich der oberen 10-30 Prozent befindet, ist im Rechtfertigungsdruck, warum er oder sie nicht bei 100 Prozent ist. Perfektionismus ist die Währung unserer Zeit.

Neu ist dieses Phänomen nicht. Der große amerikanische Schriftsteller und Philosoph H. D. Thoreau blieb davon nicht verschont. Zwei Jahre lebte er in einer kleinen Hütte am Walden-See, saß am Wasser oder unternahm stundenlange Wanderungen durch die Wälder. Sein berühmtes Buch „Walden“ berichtet darüber. Seinen Kritikern genügt das nicht. Wagte es Thoreau doch, nicht nur das zwei Meilen entfernte Städtchen Concord fast täglich spazierend zu besuchen, sogar den Sonntagsbraten bei seiner Schwester verschmähte er nicht. Den idealisierenden Fans ist das nicht einsam genug.

Liegt unser Hang zum Entweder-oder-Denken daran, dass es aufwändiger ist, einen eigenen Maßstab zu entwickeln, als sich auf ein Extrem zu fokussieren? Wir leben in einer Vergleichsgesellschaft. Und das gilt auch in Fragen, welche wir als essentiell betrachten, die sicher notwendigen Verhaltensänderungen angesichts der nahenden Klimakatastrophe. 50%, 70% individuelle Verbesserung sind wichtige Schritte zu einer allgemeinen Verhaltensänderung. Irgendwann ist der kritische Punkt erreicht, an dem diese – nicht perfekten – Veränderungen eine große Veränderung einleiten können.

Perfektionismus tötet die Freude am Tun

Am schlimmsten scheint mir, dass Menschen, wenn sie mit einem Extrem konfrontiert werden, Lust und Freude an ihrem persönlichen Weg verlieren. Die eigenen Lauferfolge, die Verhaltensänderung, das aufgeräumte Wohnzimmer sinken angesichts des Perfektionsanspruchs völlig im Wert. Und das ist doch absurd. Keiner käme auf den Gedanken, jede und jeder müsste sportlich auf dem Niveau von Leistungssportlern agieren. Niemand denkt, er oder sie müsste wie ein Berufsmusiker oder eine Ausnahmemusikerin musizieren. Aber in unserem Alltagshandeln gönnen wir uns diese Vernunft und Nachsicht nicht, eifern den Idealen nach und werden von den Hütern des Perfektionismus bewertet. Und schon verlieren wir die Motivation unseren eigenen Weg zu gehen. Wir entwerten unser Tun im Angesicht des Ideals.

Natürlich gibt es Bereiche, in welchen es um ein Entweder-oder geht. Zum Beispiel ist es bei Verhaltensänderungen oft notwendig oder hilfreicher, ganz auf ein Verhalten zu verzichten, als Maß zu halten. Auf Extreme, auf das Entweder-oder immer und überall zu verzichten ist zu schwarz-weiß gedacht.

Geh deinen Weg, wenn du von ihm überzeugt bist. Geh ihn in deiner Geschwindigkeit und soweit du heute magst. Und verzichte, verdammt noch mal, darauf, ihn zum Maßstab für andere zu machen.

Zum Weiterlesen: Ich weiß, was ich wissen will. Oder? (mit Exkurs zur Vergleichsgesellschaft)

2 Gedanken zu „Ganz oder gar nicht: die 100-Prozent-Falle“

  1. Genau. Außerdem acht Perfektionismus krank. Dieser Selbstoptimierungswahn geht mir schon lange auf die Nerven, denn letztlich ist er nicht um unserer Gesundheit willen „geschaffen“ worden, sondern um uns klein zu halten und damit wir schön brav alles konsumieren, was uns dem vermeintlichen Ziel näher bringt.

    Ein ganz anderer Ansatz ist es, wenn wir aus eigenem Antrieb Gutes für uns tun.

    Danke für deine klaren Worte.

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