Bücher und ihre Regale

Eine Obststeige im Keller ist voller Bücher aus meiner Kindheit. Raumschiff Monitor, Burg Schreckenstein, Erdschiff Giganto, die acht Abenteuer-Bände von Enid Blyton und so andere Serien aus dem Schneider-Verlag. Zerlesen, mit Eselsohren, ohne Schutzumschläge und vergilbend warten sie seit gut 35 Jahren darauf, wieder in die Hände genommen zu werden. Vier oder fünf Umzüge haben sie mich mittlerweile begleitet, jede Wegwerfaktion überstanden
Ich habe die Bücher wohl aus zwei Gründen behalten. Einerseits sind es nostalgische Gefühle. Wenn man ein Buch nicht nur einmal, sondern 10- oder 20-mal gelesen hat, ist es ein Teil der Vergangenheit geworden. Und wenn es dieses Buch dann auch nicht mehr zu kaufen gibt, wäre mit dem Wegwerfen auch ein Teil der Biographie symbolisch weg.
Der später hinzu gekommene Grund sind die eigenen Kinder. Irgendwo war vielleicht die Erwartung oder Hoffnung, dass sie die Bücher auch einmal lesen und mit ihnen die gleichen positiven Gefühle verbinden, wie ich seinerzeit.

Letzteres hat leider nicht geklappt. Egal mit welchem Buch. Die Geschmäcker sind zu verschieden. Oder das Selber-Entdecken von Büchern geht vor den elterlichen Empfehlungen

Doch warum sind die Bücher in der Obststeige und nicht im Bücherregal, wo Bücher ordnungsgemäß aufzubewahren sind? Sie haben es in der Prioritätenliste wohl nicht (mehr) ins Regal geschafft, mussten bei einem der Umzüge den Präsentationsplatz aufgeben und in ihrem Provisorium verbleiben.

Mein sind die Bücher

Diesen Tweet schickte ich heute Morgen raus, nachdem ich im Keller diese Bücherkiste sah. Ja, meine Bücher gehören irgendwie zu mir. Ich kann meinen Lesegeschmack nicht bewusst weitergeben. Meine Kinder haben ihren eigenen Geschmack, leben in einer anderen Zeit und leben eine andere Kindheit als ich. Sie haben vermutlich andere Träume und Idole als ich in ihrem Alter. In den 35-40 Jahren, welche zwischen unseren Kindheiten liegen, hat sich die Welt enorm verändert, Nostalgie hin oder her.

Bücher sagen etwas über ihre Leser*innen aus. Ob thematisch bewusst ausgewählt, ob geschenkt bekommen oder anhand von Bestseller-Listen gekauft – Bücher sind ein mehr oder weniger deutlicher Spiegel des Inneren der Person, in deren Regal sie stehen, so sei die These gewagt.

So wie es den Kindern mit meinen alten Kinderbüchern geht, geht es mir mit den Büchern im Regal, welche nicht von mir, sondern von meiner Frau stammen. Oder mit Bücher, welche ich in den Regalen anderer sehe. Ich nehme sie neugierig zur Kenntnis. Aber oft ist es so, dass mich ein Bücherregal entweder völlig in Beschlag nimmt und ich am liebsten ein Dutzend Bücher ausleihen würde, oder ich mir denke, was für ein unterschiedlicher Geschmack zu meinem sich hier zeigt. Das macht sich natürlich häufig, aber nicht immer, an Genres fest.

Welche Bücher hebe ich auf?

Die Frage stelle ich mir mehr und mehr. Früher kamen Bücher im Zweifelsfall in Doppelreihe ins Regal, jede freie Wand war mit Regalfläche bestückt. Schon als Junge hatte ich mit 11 über 200 Bücher im Regal stehen und begann die ersten Titellisten mit der Schreibmaschine zu verfassen. Diese wollte ich im Schnellhefter in die Schule mitnehmen, so dass Freunde sich Bücher ausleihen konnten. Ein Vorhaben, welches nach einer halben A4-Seite und vielen Tipp-ex-Korrrekturen von mir abgebrochen wurde.
Ein Buch wegzuwerfen wäre mir damals nie in den Sinn gekommen, seit ich dies ein einziges Mal mit etwa 8 Jahren tat und danach sehr bereute, es auch nie in irgendeiner Bibliothek wieder fand.

Warum und wie heben wir Bücher auf?

1. Das Regal als Lesekonzentrat

Diese Scheu vor dem Wegwerfen verlor ich im Laufe der Jahre und so manches Buch – meist waren es geschenkte Romane, Fachliteratur oder zeitgeistgebundene Ratgeber – landete in einer spontanen und heftigen Ausräumaktion im Altpapier oder beim Bücherflohmarkt.
Dahinter steckt ein Stück weit das Konzept, dass einerseits der zur Verfügung stehende Platz für Regale begrenzt ist und andererseits nur „die besten“ Bücher einen Platz darin verdienen. Auf lange Zeit betrachtet würden die Bücher im Regal (bzw. den Regalen) zu einem Extrakt der Lesetätigkeit. Nur die nach Prüfung für würdig empfundenen Bände blieben in den vier Wänden.

2. Rares bewahren

Nicht nur die „wertvollsten“ Bände werden im Regal aufbewahren, sondern Bücher, welche selten oder nicht mehr beschaffbar sind. Die Shakespeare- und Goethe-Werke brauche ich nicht im Regal, die finde ich jederzeit in Bibliotheken oder Buchhandlungen wieder. Vergriffene, nicht mehr aufgelegte Bücher hingegen lassen sich nicht mehr oder nur zu einem hohen Preis wieder beschaffen.
Ob der Status des Raren nun das Aufbewahren rechtfertigt, ist eine individuelle Entscheidung. Aber bei diesen Büchern lohnt zumindest das Nachdenken, ob sie im Fall der Trennung übers Altpapier oder nicht doch lieber übers Antiquariat „entsorgt“ werden.

3. Die repräsentative Bibliothek

Bücherregale hatten nie nur praktischen Nutzen. Als Privatbibliothek sollten sie immer auch auf ihren Besitzer ausstrahlen. Repräsentative Buchrücken, edle Einbände und gediegene Titel sollen als Teil der Einrichtung zeigen, welch Geistes Kind hier lebt. Ob es nun die Bände aller Nobelpreisträger sind, Enzyklopädien oder kuratierte Editionen von Zeitungsverlagen: sie vereint, dass sie oft nur wenig gelesen sind und direkt für Jahrzehnte ins Regal wandern.
Wenn in Interviews oder Homestories Wissen oder Bildung vermittelt werden soll, wird sich mit Sicherheit im Hintergrund ein gut gefülltes Buchregal als Illustration finden.
Wem dieses Konzept der Privatbibliothek suspekt ist, der möge sich kritisch fragen, welches Buch man vielleicht aus ähnlichen Motiven heraus gekauft und ins Regal gestellt hat. Da finden sich die Klassiker, „die man gelesen haben muss“ oder Bücher, über die „jeder spricht“. Der Besitz erspart das Lesen, Hauptsache im Regal.

Aber auch die oben erwähnte Bibliothek als Konzentrat der eigenen Lesetätigkeit wirft die Frage auf, warum es wichtig ist, dieses „Konzentrat“ sichtbar halten zu wollen. Stehen dann doch repräsentative Zwecke im Raum? Welche Bücher sollen meine Besucher beim Umherschauen erblicken? Welche Bände sind im Wohn- und welche im Schlafzimmer?

4. Die Fachbibliothek

Interessieren mich beruflich oder privat Dinge sehr, so sammelt sich gerne Literatur dazu an. Das gewinnt schnell den Charakter eines kleinen Handapparats oder einer nicht mehr so leicht reproduzierbaren Sammlung. Auf das häufige In-die-Hand-nehmen kommt es dabei gar nicht an, es ist der Status des Wertigen und Raren, der diesen Büchern ihren Regalplatz sichert. Zu Recht?

Realismus wagen

Ich habe in den letzten Jahren häufig erlebt, wie ältere Menschen ratlos vor ihren vielen Büchern standen und nicht wussten, wer diese später einmal erhalten soll. Und fast immer stand am Ende die Erkenntnis, dass sich wohl niemand finden würde, der auch nur annähernd würdiges Interessse an den Büchern hätte.

Die meisten Bücher, welche in unseren Regalen Staub ansetzen, tun dies nicht, weil es so schmutzig in unsern Wohnstuben ist, sondern weil sie über Jahre und Jahrzehnte nicht (mehr) gelesen werden. Wir leben in der Illusion, Bücher mehrfach (oder überhaupt einmal) zu lesen. Wir stellen uns vor, wenn erst mal die Kinder aus dem Haus oder die Rente in Sicht ist, all die ungelesen oder vergessenen Bücher lesen zu können. Wenn wir erst einmal Zeit haben …!

1. Glaubenssätze löschen

Warum lösen wir uns nicht vom Konzept wandfüllender Bücherregale? Welche Glaubenssätze sind damit verbunden? Welche historischen Erfahrungen begründen die Regale?

  • Bücher sind selten und teuer. Man muss sie daher aufbewahren und weitergeben.
  • Wissen ist in Büchern gebunden. Das Regal zuhause ersetzt den Gang in die Bibliotheken.
  • Bildung ist Status und besonders. Meine Bibliothek zeigt diesen. Die Privatbibliothek hat ikonographischen Charakter und repräsentiert mein Sein, meinen Charakter.

Doch im 21. Jahrhundert wandelt und weitet sich das Wissen in einem ungeahnten Ausmaß. Bildung oder ein Studium sind kein Vorrecht einer kleinen und durch ihre Eltern privilegierten Bevölkerungsgruppe, sondern stehen fast jedem offen.
Bücher stehen für konserviertes Wissen. Wer sich heute informieren möchte, tut dies mehr und mehr online. Die Bibliotheken und Skripten digitalisieren sich. Das Konzept eines eurozentrischen Bildungskanons zu lesender Bücher ist Vergangenheit.

2. Nutzen statt besitzen

Nicht mehr der Besitz steht heute im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, etwas Nutzen zu können. Die selbst aufgenommenden Musik-Kassetten, die Videokassetten-, Schallplatten- und CD-Sammlungen werden in der Breite durch digitale Medien verdrängt. Wenn heute wieder vermehrt Schallplatten verkauft werden, hat dies eher „musik-elitären“ als pragmatischen Charakter. Spotify, Netflix, Prime & Co. liefer körperlos frei Haus. Online-Bibliotheken weiten ihr Angebot aus, Tageszeitungen gewinnen mehr und mehr Abonnenten nur noch für die digitalen Ausgaben. Die „richtige“ Tageszeitung als Statusnachweis am Wohnzimmertisch hat bei Unter-40-Jährigen längst ausgedient.

Heute gedruckte Bücher werden in der Regel auch als digitale Ausgabe angeboten. Diese Lesemöglichkeit verbreitet sich. Das Konzept „Bücherregal“ bekommt in diesem Kontext einen musealen Charakter. Hier sind die alten Bücher drin, diejenigen, welche es noch nicht digital gibt bzw. gab.

3. Realistisch denken

Wie viele Bücher werde ich wohl in meinem Leben noch lesen? Sogar bei 50 Büchern jährlich bleibt die Summer der noch im Leben lesbaren Bücher erschreckend überschaubar. 30 Jahre x 50 Bücher sind 1.500 Bücher. Und lese ich wirklich so viel? Doppelt gelesen wären es schon 3.000 Bücher.
Wie viele davon warten bereits auf meinem „SuB“, dem „Stapel ungelesener Bücher“? Unsere Lesezeit gedruckter Literatur geht zugunsten des Onlinekonsums zurück. Die verbleibende Zeit will gut genutzt werden.
Welche Bücher aus meinem Regal werde ich realistisch betrachtet ein zweites Mal lesen? Erlaubt der Reiz neuer Bücher, dass ich ein altes Buch ein zweites Mal zur Hand nehme? Wenn ich Bücher absehbar nur einmal lesen werde, warum soll ich ihnen dann kostbaren Stauraum schenken, den ich mit meiner Miete oder meiner Wandfläche zahlen muss?
Welche Bücher in meinem Regal, wenn ich sie einzeln in die Hand nehme, überleben diese Fragen?

4. Bücher doppelt kaufen

Heute geht es mir manchmal so, dass ich ein neues Buch erst einmal in der digitalen Fassung im ePub-Format kaufe. Dann kann ich es am Rechner abspeichern, „besitze“ es. Manche Bücher schaffen dann den Sprung, dass ich sie unbedingt auch stofflich in gedruckter Form besitzen möchte. Ich will darin querlesen können, zwischen den Notizen und Anmerkungen im Buch „surfen“ können und es sehen, wenn ich die Augen über die Regale wandern lasse. So ein Buch – und das sind dann nur wenige – hat seine Bewährungsprobe bestanden und darf „mit auf die Insel“. Doppelt bezahlt, doppelt gelesen, wertvoll im zweifachen Sinn.

Resümee: Ich werde meine Bücherregale in der nächsten Zeit wohl einmal sehr kritisch durchsehen und mich bei jedem Buch fragen, mit welcher Motivation ich ihm seinen Platz im Regal gönnen soll. Und das Gleiche wird wohl mit dem Stapel ungelesener Bücher geschehen.

Was nicht so alles aus einem kleinen Tweet am Morgen resultieren kann …


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