Die undurchlässige Gesellschaft

Im Januar fielen mir gleich zwei Tweets auf, welche mich bedrückt und etwas ratlos zurück ließen. Einmal ging es um ein jugendliches Mädchen, welches in einer Jugendhilfeeinrichtung lebt und nicht zu ihrem Freund kann, da dessen Eltern nicht erfahren dürfen, dass sie „Heimkind“ ist.

https://twitter.com/finallyarrived/status/951927255420325893

Und beim zweiten Tweet las ich, wie ein Kind (samt seiner Eltern) ein anderes abwertete, weil dieses mit seiner alleinerziehenden studentischen Mutter im Vergleich sehr arm wäre:

Dieses Abgrenzen nach „unten“, diese Abgrenzung von Menschen mit niedrigerem ökonomischem oder sozialem Status empört uns, die Reaktionen auf Twitter sind eindeutig. Ja, solches Denken sollte eigentlich Vergangenheit sein.

In Filmen, in der Literatur oder in autobiografischen Erzählungen freuen wir uns mit jedem Kind, welches einen Mentor findet, der es aus seinem oft ärmlichen oder gewaltgeprägten Milieu holt und die Chance zu einer positiven Entwicklung bietet. In der Theorie sind die breiten bürgerlichen Schichten sofort dabei, wenn es Kindern gelingt, Kontakt zu Familien mit höherem sozio-ökonomischen Status aufzubauen. Wir wünschen ihnen den „Aufstieg“. Zwei Beispiele fallen mir spontan ein: Einmal der Autor Peter Rosegger (Biografie auf Wikipedia) und einmal ein ehemaliger Kollege, der seine Biografie verschriftlicht hat, Volker Häberlein (Herkunft chancenlos, Eigenverlag, hier bei A.).

Wasser in den Wein, raus aus der Wohlfühlblase:

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Gelesen: Im Schreiben zu Haus – wie Schriftsteller zu Werke gehen

Ein Zufallsfund. Ich suchte im Internet nach Fotos von Schreibtischen von Autoren und auf einmal tauchte dieser großformatige Band in der Suchergebnisliste auf. „Im Schreiben zu Haus. Wie Schriftsteller zu Werke gehen“ ist der Titel des 1998 erschienenen Bild- und Interviewbandes mit Schriftstellern und Schriftstellerinnen von Herlinde Koelbl.

Vom 10-Zeiler bis zum ausführlichen und mehrseitigen Interview reicht die Spannweite der Autorenportraits. Ergänzt werden sie durch eindrucksvolle s/w-Aufnahmen der Autorinnen und Autoren, ihrer Schreibtische und Arbeitszimmer und einer Handschriftprobe. Jedes Portrait sieht etwas anders aus, jedes Interview wurde anders geführt. Allen gemeinsam ist das Interesse und die gute Vorbereitung von Herlinde Koelbl, was sich in den Bildern und Texten spiegelt. Die Interviews wurden übrigens alle autorisiert, auch wenn das eine oder andere Gespräch „sperrig“ wirkt.

Viele klassische Fragen, welche Hobby-Autoren interessieren, werden angesprochen: „Gelesen: Im Schreiben zu Haus – wie Schriftsteller zu Werke gehen“ weiterlesen

Meine Jobs – bezahlt und unbezahlt

Auf Twitter gab es wieder einmal eine nette Frage, die erst so einfach klingt und dann doch zum Nachdenken führt. „Welche Jobs hattest Du schon?“ war sinngemäß dieses Mal die Frage (die in ähnlicher Form schon öfters durchlief, daher verzichte ich auf eine Verlinkung).

Mal sehen, ob ich die folgende Liste nachträglich noch ergänze: „Meine Jobs – bezahlt und unbezahlt“ weiterlesen

Friedrich Kellner: Tagebücher 1939 – 1945

„Der Laubacher Justizinspektor Friedrich Kellner wollte für die Nachwelt ein Zeugnis ablegen von der gedankenlosen Unterwürfigkeit seiner Zeitgenossen und den hohlen nationalsozialistischen Propagandaphrasen. Von 1939 bis 1945 schrieb er beinahe täglich seine Kritik am NS-Regime nieder und dokumentierte die vielen kleinen und großen Verbrechen der NS-Diktatur. Diese Tagebücher zeigen, dass jeder in der Lage gewesen wäre, die nationalsozialistische Rhetorik zu entlarven und von den Untaten des „Dritten Reiches“ zu wissen.
Kellners akribische Analyse der Tagespresse, die zusammen mit zahlreichen eingeklebten Zeitungsausschnitten einen Großteil der Tagebücher einnimmt, macht diesen Text zu einer einzigartigen Quelle, die eine neue Sicht auf den Alltag im „Dritten Reich“ ermöglicht. Darin unterzieht er die gleichgeschalteten Meldungen einer schonungslosen Kritik und verdeutlicht, wie offensichtlich die Lügen der NS-Presse waren.“ (Klappentext) „Friedrich Kellner: Tagebücher 1939 – 1945“ weiterlesen

Deutsche Erstausgabe von „A Week on the Concord and Merrimack Rivers“

Es gibt Bücher, bei welchen man sich wundert, dass sie nicht schon längst vom Amerikanischen ins Deutsche übertragen wurden. Das Buch „A Week on the Concord and Merrimack Rivers“ von Henry A. Thoreau gehört sicherlich dazu.

In den USA zählt das Buch zum festen Bestand der klassischen amerikanischen Literatur. Das Buch war die erste größere Veröffentlichung von Thoreau, der ansonsten primär durch die Bücher „Walden“ und „Über die Pflicht zum Ungehorsam über den Staat“ weltweit bekannt wurde.

1849 erschien die Erstauflage dieser Beschreibung einer einwöchigen Flussfahrt, welche Henry D. Thoreau am 31.8.1839 mit seinem Bruder John begann. Der geliebte Bruder starb früh im Jahr 1842 und auch zu seinem Angedenken begann Henry 1845 mit der Niederschrift seiner Notizen zu der Bootsfahrt – dem Jahr, als er auch sein Experiment am Walden-See startete. „Deutsche Erstausgabe von „A Week on the Concord and Merrimack Rivers““ weiterlesen

Neujahrsvorsatz oder Übung?

Wir schreiben den vierten Januar. Auf Twitter häufen sich die Berichte, dass die Fitness-Studios voller Neuzugänge sind. In den Prospektankündigungen der Discounter sind Fitnessgeräte und Sportkleidung in dieser und der kommenden Woche angepriesen. Die Wälder sind ungewöhnlich gut mit Läuferinnen und Läufern gefüllt. Unübersehbar: Es ist die Zeit der Neujahrsvorsätze. Und zu den populärsten Vorsätzen gehört sicher derjenige, sich stärker (oder überhaupt) körperlich zu betätigen, Sport zu betreiben.

Aber wie bereits die ersten lästern bemerken, wird dieser Zustrom in den Fitness-Studios und Wäldern nur von kurzer Dauer sein. Ab Mitte des Monats wird eine Normalisierung der Zahlen erwartet. Dann wird aus dem „heute mal nicht“ ein „Vorhaben abgebrochen“ geworden sein und viele Leute stellen mehr oder weniger frustriert fest, dass Sport doch nichts für sie ist und Neujahrsvorsätze grundsätzlich von kurzer Haltbarkeit sind. Bis zum Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch ist dann erst einmal Ruhe an der Vorsatz-Front. „Neujahrsvorsatz oder Übung?“ weiterlesen

Rezension: Einsortiert. Fragmente aus dem Leben einer Sortagefachfrau

Durch einen dieser Zufälle der Twitter-Welt stieß ich auf den Account von @Gminggmangg und darauf, dass sie ein Buch verfasst hat. Dieses wurde durch Crowdfunding finanziert und war just in diesen Tagen frisch gedruckt zum Verlag gekommen. Nach einem kurzen Blick auf die Website von Fabienne Sieger, so der bürgerliche Name von @Gminggmangg, war klar: Das Buch will ich haben. Die Direktbestellung beim Schweizer Autismus-Verlag ging flott und nach wenigen Tagen lag es im Postkasten:

 

Die äußere Aufmachung erinnert an einen Schweizer Landsmann von Fabienne Sieger, Ursus Wehrli. Seine Bücher „Kunst aufräumen“ und „Die Kunst aufräumen“ sind ja weithin bekannt. Aber hier geht es nicht um farbig sortierte Kunst. Wir werden in „Einsortiert. Fragmente aus dem Leben einer Sortagefachfrau.“ mit einer Bewältigungsstrategie für den sozial (über-)fordernden Alltag einer Frau mit Asperger Autismus bekannt gemacht. Die Autorin und Künstlerin Fabienne Sieger, Jahrgang ’84, lebt mit Mann und zwei Kindern in Bern und unterrichtet. Ein nach außen erst einmal unauffälliges Leben. „Rezension: Einsortiert. Fragmente aus dem Leben einer Sortagefachfrau“ weiterlesen

G. C. Lichtenberg: Noctes – ein Notizbuch

Vorder- und Rückseite des Umschlages, wie er im Original aussieht, einschließlich der zwei Tassenflecken am Rückendeckel.

Auf eine Rarität stieß ich kürzlich, das nur 128 Seiten umfassende, postkartengroße Büchlein „Noctes: ein Notizbuch“.

Ulrich Joost hat  sich dem Original-Notizbuch „Noctes“ (= Nächte) von Lichtenberg angenommen. Dieses Büchlein steht parallel zu den Sudelbüchern und wurde 1795 begonnen. Die letzten datierten Einträge stammen vom Dezember 1798, wenige Wochen vor Lichtenbergs Tod. Die Handschrift Lichtenbergs in diesem Heft ist teilweise sehr schlecht und kaum zu entziffern, so dass es Joost viel Mühe machte, es korrekt wiederzugeben. „G. C. Lichtenberg: Noctes – ein Notizbuch“ weiterlesen

Pedelec – Erfahrung nach den ersten 2300 Kilometern

Ende Oktober stand der Tacho bei 2.250 Kilometer. Das beleuchtete Display ist sehr praktisch.

Seit Mitte Mai fahre ich nun mit dem Pedelec. Meistens geht es damit zur Arbeit, in der Freizeit bin ich recht wenig per Rad unterwegs. Arbeitsweg, das heißt pro Tag ca. 28 Kilometer und 390 Höhenmeter insgesamt. Nach den ersten 14 Tagen hatte ich bereits ein erstes Fazit gezogen. Und erfreulicherweise haben sich die sehr positiven Eindrücke nach nunmehr fast fünf Monaten und fast 2.500 Kilometern Fahrstrecke bestätigt.

Arbeitsweg

Meinen Arbeitsweg von der Filder-Hochebene in den Stuttgarter Talkessel lege ich seither fast nur noch per Pedelec zurück. Ausnahmen sind, wenn ich mein Cello zum Unterricht mitnehmen muss oder eine Dienstreise ansteht. Ansonsten hieß es, ob bei Regen oder 30 Grad, es wird Fahrrad gefahren. Und was soll ich sagen: Der früher gerade abends laut jaulende Schweinehund, der keine Lust hatte, aus dem Kessel hochzustrampeln, ist völlig verstummt und freut sich auf die frische Luft und den Auslauf nach einem meist sitzend verbrachten Bürotag.

Aber auch kleine Dienstfahrten legte ich mit dem Pedelec zurück. Was früher aufgrund der sehr hügeligen Topographie Stuttgarts ausschied, ist nun Dank der Motorunterstützung kein Thema mehr. Sogar 14%-Steigungen sorgen nicht mehr für Schweißbäche. So macht Fahrrad-Fahren deutlich mehr Freude. Auch in Verbindung mit der Bahn hatte ich das Rad dienstlich schon dabei. Ich nahm das Pedelec in den IRE ins schwäbische Oberland mit und sparte mir den halbtägig fahrenden Bus, radelte die 16 Hügel-Kilometer zum Tagungshaus in lockeren 40 Minuten. „Pedelec – Erfahrung nach den ersten 2300 Kilometern“ weiterlesen

Gelesen: Stille. Ein Wegweiser – von Erling Kagge

»Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?« Mit diesen drei zentralen Fragen im Gepäck macht sich Erling Kagge auf die Suche nach dem Wesen der Stille.

Die drei eingangs genannten Fragen leiten ihn und bringen ihn letztlich zu dreiunddreißig Versuchen einer Antwort.

Das Buch trägt den Untertitel „Ein Wegweiser“ zu Recht. Denn Wegweiser zeigen nur Richtungen an. Sie erklären nicht, geben keine letzten Antworten. Das Entdecken und Bewerten bleibt dem vorbehalten, der den Weg geht. Der Wegweiser nimmt dies nicht ab. Und so sind wir Lesende eingeladen, uns mit den Impulsen aus Erling Kagges Buch selbständig auf den Weg zu machen, unseren Umgang und unseren Weg zur Stille zu entdecken. „Gelesen: Stille. Ein Wegweiser – von Erling Kagge“ weiterlesen

Schluss mit der Spritze: der Kaweco Konverter Mini Sport

Seit einigen Jahren gehe ich immer mal wieder in die Apotheke, um mehr oder weniger wortreich zu erklären (zu rechtfertigen?), dass ich eine kleine Spritze mit möglichst dicker Kanüle benötige, um leere Tintepatronen mit einer Tinte meiner Wahl füllen zu können. Denn es gibt leider einige Füllfederhalter, welche nicht mit den normalen, im Schreibwarenhandel überall erhältlichen Konvertern von Lamy oder Pelikan bestückt werden können.

Bei kleinen Füllern, zum Beispiel dem viel verbreiteten Kaweco Sport, passt nur eine einzelne Tintenpatrone hinein. Normalen Konvertern ist der Zugang buchstäblich verbaut. Bei diesen füllte ich bisher geleerte Standard-Patronen via Spritze mit einer Tinte meiner Wahl. Das ist ein etwas umständliches Verfahren, welches auch nicht problemfrei ist. Die Tintenpatronen „leiern“ irgendwann aus und halten nicht mehr. Und die Spritze muss nach jeder Anwendung ausführlich gereinigt werden, damit sie nicht verklebt und evtl. für mehrere verschiedene Tinten genutzt werden kann. „Schluss mit der Spritze: der Kaweco Konverter Mini Sport“ weiterlesen

Fundraising-Knigge

Seit Anfang 2012 blogge ich rund um das Thema „Fundraising“ auf meinem Blog Fundraising-Knigge.de

Hier sind die aktuellen Artikel:

Rezension: Generation Y – wie wir glauben, lieben, hoffen

Rezension: Aus Führungsfehlern lernen

1. Marktübersicht Ziegen in Spendenshops

Berliner Compliance Modell für Sponsoren

Interview im ngo:dialog

Planen – erledigen – reflektieren

Rezension: Großspenden-Fundraising – Wege zu mehr Philanthropie

Beilagen, die keiner braucht. Oder: Mailing-Müll

„Fundraising-Knigge“ weiterlesen

Langeoog 2017 – und Vorfreude auf das nächste Jahr

Dieses tolle Shirt, welches – im Urlaub bestellt – zuhause auf uns wartete, hat übrigens Jürgen @irgendlink designt und kann bei Spreadshirt bestellt werden.

Wieder einmal Langeoog. Ein Ferienziel, auf das sich alle in der Familie gleichermaßen freuen. Drei Wochen Inselluft im August, Sand, Entspannen, Lesen, Radeln, Fotografieren, Joggen, nichts tun.

Die zwei großen Koffer haben wir, wie seit 8 Jahren, wieder auf die Insel per DHL vorgeschickt. Aus der Zeit mit dem Kinderwagen geboren, ist uns das zur guten Routine geworden und reduziert das Reisegepäck und den Aufwand beim Umsteigen doch beträchtlich.

 

 

Und das Inselgefühl beginnt in guter Tradition mit der Fährüberfahrt von Bensersiel ab. Übrigens ausnahmsweise mal kein tidenabhängiger Fährverkehr, sondern ganz regelmäßig über den Tag verteilt. Dann darf man sogar mal einen Anschlusszug verpassen, ohne dass man panisch werden muss. „Langeoog 2017 – und Vorfreude auf das nächste Jahr“ weiterlesen

Blogparade: Ein Gegenstand, der mir etwas bedeutet

Seit gut 40 Jahren begleitet mich diese alte Reiseschreibmaschine.

Viel zu haben, gefüllte Keller und Speicher, vollgestellte Regale und überladene Schreibtische – dieses Bild scheint für viele Menschen mit einer sehr unangenehmen Vorstellung verbunden zu sein. Die Erfahrung derjenigen, welche den letzten Weltkrieg erlebten und aus dieser heraus alles horteten, denn „man weiß nie, was man noch brauchen kann“, ist für die heutige Generation des materiellen Überflusses zum Fluch geworden. Sogar Möbel, früher Inbegriff der Beständigkeit und fürs Leben angeschafft, werden – ein Blick auf den Sperrmüll am Straßenrand genügt als Beleg – zu modischen Wegwerfartikeln.

Im Internet manifestiert sich dieses Unbehagen in einer deutlich wahrnehmbaren Minimalismus-Szene und auch in den Lifestyle-Regalen der Buchhandlungen finden sich Ratgeber zum Ausmisten, Reduzieren und Aufräumen. Weniger ist besser, so die kurzgefasste Devise aus dieser Szene. Das Beispiel des Diogenes, der der Überlieferung nach sogar den Becher wegwarf, als er einen Jungen aus der Hand trinken sah, steht idealtypisch für diese Lebenseinstellung. Wenngleich sie für unsere Gesellschaft als übertrieben angesehen werden mag, doch das Ideal, zum Beispiel nur mit 100 anstelle von 10.000 Gegenständen auskommen zu können, ist häufig zu lesen.

Und in der Tat: Wer beispielsweise mit dem Fahrrad in den Urlaub fährt und zeltet, muss mit der Beschränkung auf 20-30kg Gepäck und 4-6 Radtaschen auskommen. Für einige Wochen ist dies für die meisten von uns leistbar.

Doch bei aller Konsumkritik und allem Streben nach Minimalismus – was wohl auch nur in einer Wohlstandsgesellschaft so ein Thema werden kann – gibt es auch Gegenstände, an welchen unser Herz hängt. Es gibt Dinge, welche jeden Umzug und jede Ausräum- und Ausmistaktion überleben. Das sind Gegenstände, die wir nicht unbedingt aus sozialem Druck aufbewahren müssen, wie die Vase der Erbtante oder das Getöpferte des Nachwuchses. „Blogparade: Ein Gegenstand, der mir etwas bedeutet“ weiterlesen

Lebendig zu Asche verbrennen…

„Jeder Mensch muss sich verschleißen. Wenn man noch gut ist, wenn man stirbt, ist das Verschwendung. Man muss lebendig zu Asche verbrennen, nicht erst im Tod.“
-Joseph Beuys

Ein interessantes Zitat, welches ich heute von Frau Soso (@_auchICH) in meine Timeline gespielt bekam. Gepostet wurde es in der Interpretation, dass Beuys damit die Hingabe an das Leben beschwor. Ein Appell an die Leidenschaft und das Nutzen seiner Fähigkeiten und Gaben. Und das war auch das, was das Leben von Beuys ausmachte, diese vielleicht kompromisslose Leidenschaft für seine Kunst und sein Credo, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Dieses zu Lebzeiten brennen, das machte seine Vielfältigkeit und seine internationale Präsenz über Jahrzehnte aus. Dieses Worte von ihm spiegeln seine Biographie wieder.

H.D. Thoreau ging das Thema des „richtigen Lebens“ ruhiger an. Auch Thoreau wollte verhindern, „nicht gelebt zu haben“. In seinem Werk Walden schrieb er:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.“

Meine Philosophie tendiert klar eher zu Thoreau, so sehr mich die Begeisterungsfähigkeit und der Mut die eigenen Grenzen zu überschreiten bei Beuys faszinieren. Doch was ist es, was mich an Beuys‘ Zitat stört? „Lebendig zu Asche verbrennen…“ weiterlesen